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Aufarbeitung der Biographie Bernhard Heiligers
Im Hinblick auf die für das Jahr 2005 vorgesehene Veröffentlichungen eines endgültigen Werkverzeichnisses, das die Fehler und Auslassungen früherer Publikationen beseitigt, konzentriert sich die Bernhard-Heiliger-Stiftung ebenso seit geraumer Zeit auf eine objektive Aufarbeitung der Biographie des Künstlers. An diesem Ort wird schrittweise der Stand dieser Recherche veröffentlicht, die neben unterschiedlichem Archivmaterial und persönlichen Dokumenten auf der weitverstreuten Korrespondenz sowie Informationen von Zeitzeugen beruht. Die biographischen Glättungen und Auslassungen, insbesondere der Zeit vor 1945, wurden von der Bernhard-Heiliger-Stiftung bereits größtenteils korrigiert, doch ist das gesamte Projekt als "work in progress" zu betrachten, das in wechselnden Abständen aktualisiert und ergänzt wird. Auf eine englische Übersetzung wird aus diesem Grund auch verzichtet. Für Anregungen und weiterführende Informationen zum Leben und Werk Bernhard Heiligers wären wir außerordentlich dankbar.
Kindheit, Schule und Lehre
Bernhard Ernst Johannes Heiliger kam am 11. November 1915 in Stettin als viertes Kind von Hermann Johann Joseph Heiliger (1879-1941) und Anna Helene Heiliger, geb. Gensen (1881-1948) zur Welt. Seine drei Schwestern Hildegard (1906-1942), Hertha (*1907) und Lieselotte (1911-1962) waren noch alle in Berlin geboren. Ende 1911 zog die Familie in die Landeshauptstadt von Pommern und wohnte zunächst in einem vornehmen Viertel in der Nähe der repräsentativen Hakenterrasse, Am Logengarten 11. Hermann Heiliger war Stoff- und Tuchhändler, dessen Firma mehrere Kaufhäuser belieferte. Das Gewerbe hatte er bereits bei seinem Vater Hermann Heiliger sen. gelernt, der Geschäftsführer einer Berliner Weberei war. Gegen Ende des Ersten Weltkriegs 1918 /19 mußte die Firma in Stettin, bei der Herrmann Heiliger angestellt war, jedoch Bankrott erklären. Er nahm eine weitaus geringer bezahlte Stellung in einem städtischen Betrieb an, und seine Familie war gezwungen, in eine bescheidenere Wohnung im Grünhofer Steig 3 zu ziehen.
Bernhard Heiliger ging seit 1921 auf die Barnim-Mittelschule, die er nach der neunten Klasse verließ. Die beiden älteren Schwestern gingen von der Schule ab, um für ihren Lebensunterhalt selbst aufzukommen. Hildegard arbeitete fortan als Sekretärin in einer Kanzlei und Hertha wurde Arzthelferin. In den Jahren von 1930 bis 1933 absolvierte Heiliger eine Lehre als Steinbildhauer (Steinsetzer).
Dieser Lebensabschnitt gehört zu denen, die Heiliger später ausblenden wird. Während er noch kurz nach dem Krieg in seiner Vita auf das "gründliche Erlernen des Steinschlagens" verwies ‚ so im Faltblatt seiner Ausstellung in der Galerie Rosen, Berlin 1946 ‚ erwähnte er diese rein handwerkliche Ausbildung in späteren Publikationen nicht mehr. In ähnlicher Weise wird er auch hin und wieder behaupten, Abitur auf einem Gymnasium gemacht zu haben. Heiliger hat seine prosaische Herkunft aus einem kleinbürgerlichen Milieu zunehmend verschleiert und sie dem spezifisch strukturierten Selbstbild eines freien Künstlers in der Nachkriegszeit angepaßt. Auch andere Lebensabschnitte wurden in diesen Prozeß der "Legendenbildung" (vgl. Das Standardwerk zu diesem Thema "Die Legende vom Künstler" von Ernst Kris und Otto Kurz) mit eingebunden.
Während Heiligers Lehrzeit kam es zur Scheidung der Eltern. Der Vater hatte mit seiner Sekretärin ein Verhältnis angefangen und verließ die gemeinsame Wohnung. Die Mutter mußte nun mit ihrem etwa sechzehnjährigen Sohn und ihrer jüngsten Tochter in eine günstigere Wohnung in der Pionierstraße 57 ziehen.
Werkschule für Gestaltende Arbeiten
Die Handwerkerberufsschule war am Grünhofer Markt neben den Gebäuden der Stettiner Kunstgewerbeschule untergebracht. Dort leitete seit 1925 der Bauhausschüler Kurt Schwerdtfeger (1897-1966) die Bildhauerklasse. Er wurde auf den jungen Steinmetz aufmerksam und bescheinigte ihm ein außergewöhnliches künstlerisches Talent. Im Frühjahr 1933 bestand Heiliger die Aufnahmeprüfung für das Fach "Bildhauerei" an der mittlerweile in Werkschule für Gestaltende Arbeiten umbenannten Kunstgewerbeschule. Insgesamt wird er sieben Semester lang bis einschließlich des Oktober 1936 bei Kurt Schwerdtfeger studieren und trat in dieser Zeit, wie es von den Schülern verlangt wurde, dem Nationalsozialistischen Studentenbunde bei. Bei Ende des Studiums erlosch diese und während seines Leben einzige Mitgliedschaft in einer politischen Organisation. Heiliger hat seine Ausbildung an der Werkschule, wie er später immer wieder betonte, sehr geschätzt. Viele Lehrer waren von den Ideen des Bauhauses beeinflußt oder hatten selbst dort studiert. In einem Interview mit Philip Peter Schmidt am 26. Juli 1988 für den Rias-Berlin sagte er: "Ich habe überhaupt nichts mitgebracht! Was ich vorher an sogenannter Ausbildung erhalten habe, das war herzlich wenig, beziehungsweise nichts." Er fügte jedoch hinzu: "Das bißchen Kunstgewerbeschule in meiner Heimatstadt, die sehr modern war, sehr aufgeschlossen, das war noch das Beste, was ich erfahren habe."
Da Heiliger weitgehend mittellos war, wurde er durch ein städtisches Stipendium gefördert, das ihm der Stettiner Museumsdirektor Otto Holtzen verschafft hatte.
Bei Kurt Schwerdtfeger war Heiliger an der Ausführung von öffentlichen Aufträgen beteiligt und gelangte auf diese Weise in Kontakt zu dem Stettiner Baudirektor Hans Bernhard Reichow (1899-1974), mit dem ihn auch noch nach dem Krieg eine lange Beziehung verband. Nach Heiligers Abgang von der Werkschule ist keine konkrete Tätigkeit nachzuweisen. Heiliger nahm jedoch 1937 an der Gruppenausstellung "Die bildenden Künste in Pommern" im Stettiner Stadtmuseum an der Hakenterrasse (heutiges Schiffahrtsmuseum) mit der Arbeit "Porträt A. S." teil. Im selben Jahr wurde seine Plastik "Garbenbinderin" vom städtischen Museum angekauft und im April 1938 in der Ausstellung "Neuerwerbungen der Kunstsammlungen 1933-1938" präsentiert.
Kunststudium in Berlin
Ende März 1938 reiste Heiliger nach Berlin, um sein Studium an der Vereinigte Staatsschule für Freie und Angewandte Kunst aufzunehmen. Seit dem 30. April 1938 war er dort immatrikuliert und wohnte nahe der Kunstschule in der Fasanenstraße 44 bei der Familie Fiebke. Ursprünglich hatte Heiliger vor, bei Ludwig Gies oder Edwin Scharff zu studieren, doch waren diese bedeutende Bildhauer schon aus dem Lehrkörper entfernt worden. Ein Semester lang war er zunächst bei Prof. Bodo von Campenhausen ("Gebrannte Erden") und Paul Wynand ("Bildnerei") eingeschrieben. Seit dem Wintersemester 1938/39 studiert Heiliger als "Vollschüler" bei Arno Breker. Der anfänglich favorisierte Bildhauer Wilhelm Gerstel hatte ihn weiterempfohlen, da er selbst nur ungern vorgebildete Schüler annahm.
Arno Breker (1900-1991) war im April 1937 als Professor auf ausdrücklichen Wunsch Hitlers an die Staatsschule berufen worden. Seit seinen aufsehenerregenden Skulpturen für die Olympische Spiele 1936 wurde er zunehmend mit großen Staatsaufträgen belegt. So schuf er unter anderem 1937 die beiden Bronzen "Partei" und "Wehrmacht" für den Ehrenhof der Neuen Reichskanzlei und 1938 eine Prometheus-Statue für den Garten des Reichsministeriums für Volksaufklärung und Propaganda. Seit 1937 war er zudem in die Planungen Albert Speers (1905-1981) für die Neugestaltung der "Reichshauptstadt" mit einbezogen, für die er später den Bauschmuck entwerfen und auch teilweise ausführen sollte.
Neben Heiliger waren im Oktober 1938 noch acht weitere Studenten in der Breker-Klasse eingeschrieben. Sein bildhauerisches Talent war Breker aufgefallen, und er setzte sich für den in dieser Zeit immer am Rande der Armut lebenden Studenten ein. über den Gauleiter von Pommern, Franz Schwede-Coburg, vermittelte er Heiliger ein Stipendium. Zusätzlich wurden ihm die Studiengebühren erlassen. Auf diese Weise von finanziellen Sorgen befreit konzentrierte sich Heiliger auf seine Arbeit und bekam auf Anhieb die Schüler-Medaille der Kunstschule für das Semester 1938/39 verliehen. Im Oktober 1938 wurden zwei seiner Porträts auf der 29. Ausstellung des Pommerschen Künstlerbundes im Stettiner Museum an der Hakenterrasse gezeigt.
Reise nach Paris
Im Frühjahr 1939 gelang es Heiliger auf Einladung seiner jüngsten Schwester, der Tänzerin Lotti, ein Visum für Paris zu bekommen, die seit 1936 in der französischen Hauptstadt als Frau des Automobil-Vertreters de Flamant lebte. Dort sah Heiliger zum ersten Mal Werke Moderner Kunst, die in Deutschland schon längst aus den Sammlungen verschwunden waren. Der Eindruck war prägend, und zeitlebens betonte er den Pariser Aufenthalt als Schlüsselerlebnis für seine künstlerische Entwicklung. Auch besuchte er dort auf Vermittlung von Breker Charles Despiau und fuhr zu dem fast 80jährigen Aristide Maillol nach Banyuls-sur-Mer in Südfrankreich. Insgesamt hielt sich Heiliger laut des erhaltenen Reisepasses etwa zwei Wochen im April 1939 in Frankreich auf. Später wird er dies als "Studienaufenthalt" bezeichnen und die Dauer mitunter auf ein Jahr verlängern. Die Jahresangaben schwanken zwischen 1937 und 1939, doch wurde überwiegend 1938 als Jahr des Aufenthaltes angegeben. Der direkte Kontakt zur Moderne in Zeiten der nationalsozialistischen Kunstschändung ‚ seit 1937 wanderte die Ausstellung "Entartete Kunst" durch Deutschland ‚ war für Heiliger nach dem Krieg ein bedeutender Bestandteil seiner "Künstlerlegende" in den Zeiten eines deutschen Neuanfangs in den Trümmern des "Tausendjährigen Reiches".
Studium während des Krieges
Kurz nach seiner Rückkehr heiratete Heiliger die Kunststudentin Ruth Maria Linde (1916-1996), die ein Kind von ihm erwartete. Sie hatte bei Johannes Itten studiert, der nach seiner Zeit am Bauhaus in Berlin eine private Kunstschule leitete, und folgte ihm für zwei Jahre nach Krefeld. Nach ihrer Rückkehr 1938 entschied sie sich endgültig, Bildhauerin zu werden, und setzte ihre Ausbildung bei Milli Steger im Verein der Berliner Künstlerinnen fort. Im begleitenden Anatomiekurs an der Vereinigten Staatsschule lernte sie dann Heiliger kennen. Am 28. Dezember 1939 kam deren erstes Kind, Jutta, in einer Klinik in Wilmersdorf zur Welt. Das Ehepaar lebte zu dieser Zeit in einer Wohnung im Stadtteil Kreuzberg, Lindenstraße 108. Am 18. Mai 1941 folgte Stefan, das zweite Kind.
In der Zeit nach seiner Rückkehr aus Paris intensivierten sich die Kontakte zu Richard Scheibe, der seit 1936 ein Meisteratelier an der Preußischen Akademie der Künste leitete. Später wird Heiliger die Beziehung zu Scheibe als wichtigsten Teil seiner Ausbildung in Berlin beschreiben und auch manchmal in einigen Formulierungen insinuieren, sein Meisterschüler gewesen zu sein. Unbestritten ist, daß sie sich kannten und Heiliger ihn mehrmals im Atelier besucht hat. Der Kontakt hat auch nach dem Krieg noch lange bestanden. Heiliger wurde jedoch um 1941 Meisterschüler Arno Brekers.
1939 hat Heiliger Entwürfe auf den Wettbewerb für die figürliche Gestaltung eines NS-Aufmarschplatzes in Pasewalk eingereicht und im Dezember den ersten Preis für die Figurengruppe "Ehre und Freiheit" erhalten. Die Skulpturen sind jedoch nie zur Aufstellung in Pasewalk gelangt. Im Herbst des folgenden Jahres nahm Heiliger an der Ausstellung in der Akademie der Künste teil, wozu er als Schüler der Staatsschule direkt aufgefordert wurde. Er präsentierte die Studie eines "Stehenden Mädchens" und einen sitzenden "Weiblichen Torso" aus Terrakotta. Im Oktober waren erneut Werke Heiligers in der Ausstellung des Pommerschen Künstlerbundes Stettin zu sehen. Unter anderem eine "Kauernde" aus Bronze und eine "Frau mit Falken". Das Gipsmodell der "Kauernden" wurde im Frühjahr 1941 dann in der Akademie der Künste ausgestellt, und im Herbst 1941 war Heiliger mit dem Gips eines "Herabsteigenden Mannes" wieder in der Akademie und zum letzten Mal auf einer Ausstellung vor Kriegsende repräsentiert. Diese Arbeiten gelten heute ‚ bis auf den Terrakotta-Torso, der sich vermutlich noch in Privatbesitz befindet ‚ als verschollen bzw. zerstört.
Arno Breker war neben Josef Thorak der meistbeschäftigte Bildhauer des Nationalsozialismus. Seine Tätigkeit als Professor an der Staatsschule beschränkte sich darauf, wie ehemalige Schüler berichteten, einmal in der Woche die Arbeiten seiner Klasse zu kontrollieren. In der Frauenhofer Str. 24, nahe der Staatsschule, besaß er ein Privatatelier, wo zwei ständige Mitarbeiter , Paul Fehlberg und Herrmann Fuchs, beschäftigt waren. Die Dimensionen seiner Werke wurden jedoch so groß, daß ein Atelierneubau mit Speer und Hitler vereinbart wurde. Ende 1938 begannen bereits die Planungen zusammen mit dem Architekten Hans Freese, der an der TU-Dresden einen Lehrauftrag hatte. Ein Gelände im Grunewald, westlich der Kronprinzenallee (heute Clayallee) in Dahlem, wurde von der Stadt zur Verfügung gestellt und ab 1942 war das sogenannte "Staatsatelier" im Käuzchensteig 8-12 bezugsfertig.
Einberufung
Am 7. Juli 1941, kurz nach Beginn des Rußlandfeldzugs, wurde Heiliger in die Wehrmacht eingezogen und kam an die Ostfront. Er diente als Funker in einem Sicherungsregiment hinter den Linien, war also nicht direkt in Kampfhandlungen verwickelt, doch war ihm das Militärische und die strengen Hierarchien zutiefst verhaßt. In seiner Not wandte er sich an Arno Breker, der über seine Freundschaft zu Albert Speer besonders begabte Studenten der Kunsthochschule vor dem Kriegsdienst bewahren konnte. Durch die Fürsprache Brekers wurde Heiliger zunächst beurlaubt und konnte sein Studium im Wintersemester 1942/43 fortsetzen. Im April 1943 wurde Heiliger laut Wehrmachtsdokumenten offiziell vom Kriegsdienst befreit.
Ruth Heiliger war Anfang 1942 mit ihren Kindern wegen der zunehmenden Luftangriffe zu ihren Eltern nach Hohen Neuendorf, einem nördlichen Vorort von Berlin, gezogen. Auch Heiligers Mutter, die aus Stettin weggezogen war, wohnte dort. Am 25. September 1942 kam Anita, das jüngste Kind Heiligers, zur Welt.
Wriezen
Auch das Arbeiten in der Hochschule war nicht mehr ohne Gefahr möglich, und so stellte Breker seit dem Herbst 1943 Heiliger ein Atelier mit Wohnbaracke auf dem Gelände seiner Bildhauerwerkstätten in Wriezen weit vor den Toren Berlins zur Verfügung. Die sogenannten Bildhauerwerkstätten Arno Breker GmbH waren bereits im August 1941 gegründet worden ‚ unmittelbar in der Nähe von Schloß Jäckelsbruch, das Breker 1940 zu seinem vierzigsten Geburtstag von Hitler übereignet bekommen hatte. Das über ein Hektar große Betriebsgelände war mit eigenem Bahnhof und Hafen ausgestattet. In den riesigen Werkhallen sollte der Bauschmuck für die gigantomanischen Bauprojekte des Nationalsozialismus entstehen.
Soweit bekannt ist, mußte Heiliger nicht an den Großprojekten Brekers mitarbeiten. Während seiner Zeit in Wriezen entstanden mehrere Plastiken, die er zum Teil auf seiner Ausstellung in der Berliner Galerie Rosen 1946 zeigte. Dazu zählen eine "Sinnende" aus Stein, ein "Gebeugter" aus Stein , eine "Aufschauende" aus Gips, der "Kopf Gärtnerin" aus Bronze und ein "Knabenkopf" aus Zement, die alle im Faltblatt auf 1943 datiert sind.
Flucht
Heiligers Refugium war aber nur von kurzer Dauer. Durch den als "Volkssturm" bezeichneten Erlaß vom 25. September 1944 verlor er seine Protektion und wurde erneut einberufen. Doch statt in dem sinnlos gewordenen Krieg weiterzukämpfen, nutzte er seine Einweisung auf dem Truppenübungsplatz Munsterlager in der Lüneburger Heide zur Flucht. Es lassen sich in den folgenden Monaten verschiedene kurze Aufenthalte in Norddeutschland rekonstruieren. Die erste Station war das Nordseebad St. Peter Ording, wohin eine gute Freundin, Susanne Harder, gezogen war. Danach tauchte er in Hamburg-Rissen bei der Familie von Hans Bernhard Reichow im Haus des Hamburger Stadtdirektors Constantin Gutschow unter, wohin Hildegard Reichow mit ihren Kindern gerade erst vor der heranrückenden Roten Armee aus Stettin geflohen waren. Später verschlug es Heiliger zu der Familie des Landschaftsmalers Johann Peter Linde in Bad Schwartau, den er zuvor auf dem Truppenübungsplatz kennengelernt hatte. Das Kriegsende im Mai 1945 erlebte Heiliger schließlich, schwer an Diphterie erkrankt, in einem Bremer Lazarett. Während der einwöchigen Internierung vom 3. bis 11. Juli 1945 in dem britischen Lager Hesedorf traf er erneut auf Johann Peter Linde, bei dem er in den folgenden Monaten leben konnte, da es zunächst nicht ohne weiteres möglich war, durch die sowjetisch besetzte Zone nach Berlin zu reisen. Hausherr in Bad Schwartau war der Vater von Johann Peter Linde, der Jurist Adolf Linde, dessen Brüder im Kunstleben der Weimarer Republik eine besondere Rolle spielten. Max Linde war der deutsche Förderer von Edward Munch, Herrmann Linde Maler in der Künstlerkolonie Dachau und H. F. Linde-Walther Mitglied der Berliner Secession. Viele Zeichnungen und zwei Porträtköpfe von Nichten Johann Peter Lindes entstanden in dieser Zeit. Trotz gleichen Nachnamens ist die Familie von Heiligers Frau nicht mit den Lindes aus Bad Schwartau verwandt.
Rückkehr nach Berlin
Im November 1945 kehrte Heiliger in die zerstörte Hauptstadt zurück. Seine Familie überstand den Krieg unbeschadet in Hohen Neuendorf. Im Februar 1946 bezog das Ehepaar mit den Kindern sowie Heiligers Mutter ein eigenes Haus in Hohen Neuendorf, Eichenallee 25. Einige Monate später gelang es Heiliger, ein kleines Atelier in der ehemaligen Gipsformerei im Schadow-Haus Unter den Linden zu mieten.
Im Mai dieses Jahres hat Heiliger zusammen mit dem Maler Fritz Ascher seine erste Ausstellung als Bildhauer in dem Privathaus von Kurt Buchholz, Reinerzstraße 40-41. Eine zweite Ausstellung folgt im September desselben Jahres zusammen mit dem neo-surrealistischen Maler Mac Zimmermann in der Galerie Rosen auf dem Kurfürstendamm 215. Für diese Ausstellungen wurden Faltblätter gedruckt, die auch eine kurze Vita des Künstlers enthalten. Weder bei Buchholz noch bei Rosen fällt der Name Arno Breker als Professor an der Staatsschule, hingegen wird der Kontakt zu Richard Scheibe hervorgehoben. Diese vielleicht auf Anraten der Galeristen betriebene Auslassung ist so kurz nach Kriegsende durchaus verständlich, doch für Heiliger wurde daraus ein biographisches "Programm", das er bis zu seinem Lebensende praktizierte. Niemals hat er sich seitdem zu Arno Breker bekannt. Er kam als bereits vorgebildeter, 23-jähriger Bildhauer nach Berlin und betonte immer wieder, dort nichts gelernt zu haben. Der Neuanfang nach dem Krieg wurde von ihm als künstlerische Befreiung empfunden. Auch wenn Breker ihn nachweislich unterstützte und er ihn zeitweise vom Kriegsdienst befreien konnte, hat er die Staatskunst des Nationalsozialismus und später auch des Kommunismus als unversöhnlichen Gegensatz zu seinem von der Moderne geprägten Selbstbild des freien Künstlers betrachtet.
Weißensee
Zum 1. September 1946 erhält Heiliger einen Lehrauftrag an der durch den Metallbildhauer Otto Sticht gegründeten Kunstschule des Nordens in Berlin-Weißensee als Leiter der "Plastikklasse". Die Kunstschule war in der Sowjetischen Besatzungszone auf dem Gelände einer ehemaligen Schokoladenfabrik untergebracht und war als bildungspolitische Antwort zu der bereits am 20. Juli 1945 unter dem Namen Hochschule für Bildende Künste (wieder)gegründeten Institution am Steinplatz zu verstehen. Auf Befehl der Sowjetischen Militäradministration wurde sie am 14. Juni 1947 in Hochschule für Angewandte Kunst umbenannt. Für Heiliger, der ab diesem Zeitpunkt zum erstenmal den Professorentitel als Leiter der Fachklasse für Bildhauerei trug, waren die politischen Hintergründe nicht unmittelbar ersichtlich. Berlin war noch eine ungeteilte Stadt und in Weißensee lehrten bedeutende Künstler, mit denen Heiliger auch später noch intensive Kontakte pflegte. Dazu sind der Keramiker Bontjes van Beek (Direktor 1947-1949), der Fotograf Edmund Kesting sowie die Malerin Eva Schwimmer zu zählen. Während Heiligers Lehrtätigkeit wurde ihm eine Wohnung in der Gustav-Adolf-Straße 131, wo sich auch die Bildhauerateliers der Hochschule befinden, zur Verfügung gestellt.
Im Dezember 1946 ist ein letzter Kontakt zu Arno Breker nachzuweisen, der nach Süddeutschland geflohen war und seit Oktober 1945 in Wemding, Landkreis Donau-Ries, lebte. Heiliger war nach Wriezen gefahren, um seine Arbeiten abzuholen. Darunter befand sich auch eine "Grosse Gruppe", die vermutlich auf den Gewinn des Wettbewerbs für Pasewalk zurückgeht. Heiliger bat Breker brieflich, zwei Gipsabgüsse der "Sklaven" Michelangelos, die sich auf dem Gelände befanden, für die Kunstschule in Weißensee auszuleihen. Dies wurde ihm von Breker erlaubt, und er bat zudem Heiliger, eine Erklärung für sein anstehendes Entnazifizierungsverfahren zu geben. Breker mußte sich dann erst im Oktober 1948 vor der Spruchkammer in Donauwörth verantworten. Am Ende wurde er in die Gruppe IV ("Mitläufer") eingeordnet und mußte eine Geldbuße in Höhe von 100 DM zahlen. Heiliger hatte ein belastendes Gutachten eingereicht, in dem er sich künstlerisch und persönlich von Breker distanzierte.
Heiliger war mittlerweile in Berlin als aufstrebender junger Künstler bekannt. Nach den Ausstellungen bei Buchholz und in der Galerie Rosen sowie insgesamt sieben Ausstellungsbeteiligungen in den Jahren 1946 und 1947 eröffnete im April 1948 die erste Einzelausstellung Heiligers in der Galerie Bremer am Südwestkorso 48. Als Reaktion darauf erschienen ausführlichere Würdigungen seines Werkes (Hans Sarstedt, "Die Skulpturen heute in Deutschland. Zu den Arbeiten Bernhard Heiligers", in: Dramaturgische Blätter, 1948, S. 231-235; Hans Borgelt, "Bernhard Heiligers Bekenntnis zum Menschen", in: bildende kunst, 4/1948, S. 24; "Der ganze Mensch", in: Berliner Palette, Heft 39, 29. Oktober 1948, S. 16-17). Zudem hatte Heiliger 1948 den Wettbewerb für ein Max-Planck-Denkmal gewonnen. Das von der Akademie der Wissenschaften geplante und vom Magistrat finanzierte Projekt sollte die erste überlebensgroße Skulptur seit den Zeiten nationalsozialistischer Herrschaft werden. Das Denkmal war für den Vorhof der Friedrich-Wilhelms-Universität vorgesehen, die seit Januar 1946 ihre Arbeit in den zerstörten Gebäuden wieder aufgenommen hatte und an der Max Planck gelehrt hatte. Insgesamt sechs Bildhauer beteiligten sich an diesem Wettbewerb. Neben den damals großen Namen Gustav Seitz, Gerhard Marcks und Richard Scheibe war es eine überraschung, daß 1948 Heiliger den Zuschlag erhielt. Bevor er mit der Arbeit an dem Denkmal beginnen konnte, war es jedoch wegen der wachsenden kommunistischen Einflußnahme auf die Gremien der Universität zu einer Spaltung gekommen, in dessen Folge ein Teil der Studenten und Professoren nach Dahlem in den amerikanischen Sektor wechselte, um dort im Dezember 1948 die Freie Universität zu gründen. Zur geplanten Aufstellung des Denkmals ist es aus politischen Gründen nie gekommen. Schließlich wurde die Arbeit auf dem Gelände der Akademie der Wissenschaften in Berlin-Zeuthen installiert. Ein zweiter Guß wurde auf dem Gelände des Kölner Max-Planck-Instituts für Züchtungsforschung als Dauerleihgabe des Museums Ludwig aufgestellt.
An der Hochschule für Angewandte Kunst kam Heiliger in Konflikt mit den neuen politischen Gegebenheiten. Eine überlebensgroße Figur aus der "Grossen Gruppe", die im Garten der Hochschule seit der Gründungsfeier stand, wurde auf Anordnung der Zentralverwaltung 1948 entfernt, da sie für einen "Wettbewerb der Nazizeit" entstanden ist. Heiligers neuere Arbeiten überzeugten aber offensichtlich, denn eine seiner Plastiken überreichte das Kollegium von Weißensee dem Maler und Direktor der West-Berliner Hochschule für Bildende Künste, Karl Hofer, am 11. Oktober 1948 als Geschenk zum 70. Geburtstag.
Dahlem
Heiliger meldete sich polizeilich am 15. Februar 1949 in Berlin-Dahlem. Er wohnte seit Januar dieses Jahres in dem östlichen Flügel des 1942 endgültig fertiggestellten "Staatsateliers" Arno Brekers, das nach dem Krieg kurze Zeit militärisch genutzt und dann dem Berliner Magistrat übereignet wurde. Breker hat in dem von Hans Freese gebauten Atelier nur wenig gearbeitet, da es bereits 1943 durch die Luftangriffe auf die Hauptstadt unbenutzbar wurde, doch hat er es für repräsentative Zwecke genutzt. Ein geplantes Wohnhaus war nur bis zum Stadium einer Baugrube vorangeschritten, als die Arbeiten eingestellt wurden, und Breker vollständig seine Prdouktion nach Wriezen verlagerte. Die Vergabe an Heiliger ist auf das Engagement Adolf Jannaschs zurückzuführen, der beim Berliner Magistrat im Rang eines Staatssekretärs im Kultursenat arbeitetet. Jannasch gründete die Galerie des 20. Jahrhunderts für zeitgenössiche Kunst, die lange in der Jebenstraße untergebracht war, bis sie 1968 in die Sammlung der Neuen Nationalgalerie überführt wurde. Die formelle Enteignung des "Staatsateliers" wird später noch ein juristisches Nachspiel haben. Adolf Jannasch wird sich über Jahre in Prozessen, die Breker gegen die Stadt Berlin führt, zu verantworten haben.
Das aus drei Bereichen bestehende Gebäude wurde auf verschiedene Weise genutzt. Während Heiliger bis zu seinem Lebensende das ehemalige "Privatatelier" und die Hausmeisterwohnung nutzen konnte, wurde das große Mittelaltelier zunächst an die Berliner Steinmetzinnung gegeben, bis es Anfang der siebziger Jahre der Architekt Werner Düttmann in acht Einheiten parzellierte, die fortan an Nachwuchskünstler vergeben wurden. Der westliche Flügel mit dem ehemaligen Gipsatelier und dem Steinatelier wurde von verschiedenen Künstler bewohnt; zuletzt, bis zu seinem Tod 1998, von Wolf Vostell.
In einem Brief an Hans Bernhard Reichow vom 19. Juni 1949 kommentiert Heiliger die durchaus ironische Wendung seines Lebens, nun in dem ehemaligen Atelier seines Professors zu wohnen: "Seit ich das neue grosse ehemalige Staatsatelier Brekers in Dahlem zur Verfügung gestellt bekam, ist manches Neue entstanden. Ich hatte zuerst einige Scheu zu überwinden dort hinein zu ziehen, wie Sie sich sicher denken können, es dann aber doch getan, da die Gelegenheit einmalig ist, ein solches Atelier zu erhalten. Jetzt fühle ich mich hier sehr wohl, trotz des Komforts. Es hat hinter der Galerie drei Wohnräume, so daß ich auch vorläufig alleine dort wohne." (Archiv für Bildende Kunst, Nürnberg)
In dem Jahr von Heiligers Umzug nach Berlin-Dahlem in den amerikanischen Sektor war die Währungsreform bereits durchgesetzt. Heiliger war zwar noch offiziell Professor in Weißensee, hatte sich jedoch schon vollständig nach Westen gewandt und eine Berufung an die West-Berliner Hochschule für Bildende Künste mit ihrem Präsidenten Karl Hofer im vornherein sondiert. Hofer und Heiliger kannten sich über Anja Bremer, zu deren Programm beide Künstler seit der Gründung der Galerie 1946 gehörten. Ein direkter Kontakt ergab sich durch das Geschenk des Kollegiums von Weißensee in Form einer Heiliger-Plastik zu Hofers 70. Geburtstag. Drei Monate vor der offiziellen Gründung der DDR kündigte Heiliger in Weißensee am 19. August 1949 mit der Wirkung zum 1. Oktober, wie es heißt "ohne Angabe von Gründen". Fast seine gesamte Bildhauerklasse folgte ihm in den Westen. Seine Berufung verzögerte sich jedoch etwas, auch hatte er noch einen Ruf an die Kölner Werkschule erhalten, so daß er erst am 1. Dezember 1949 zum außerordentlichen Professor der Hochschule für Bildende Künste ernannt wurde. Fast vierzig Jahre lang bis zur zweimal hinausgeschobenen Emeritierung 1986 wird er dort von nun unterrichten.
© Marc Wellmann Stand April 2000
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Inhalt:
Kindheit, Schule und Lehre
Werkschule für Gestaltende Arbeiten
Kunststudium in Berlin
Reise nach Paris
Studium während des Krieges
Einberufung
Wriezen
Flucht
Rückkehr nach Berlin
Weißensee
Dahlem
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